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Rita Katzmaier

Rita Katzmaier – eine Tischlerin lässt Blinde nach Wunsch wohnen

03. Oktober 2019 | 09:35 Autor: Brigitta Mesenich | WIRTSCHAFTSZEIT Vorarlberg, Tirol, Wien, Steiermark, Salzburg, Niederösterreich, Kärnten, Schweiz, Burgenland, Liechtenstein, Deutschland, Startseite, Oberösterreich

Mit viel Empathie fertigt die oberösterreichische Unternehmerin Möbel für Blinde und begleitet diese durch ein begreifbares Modell in Puppenhausgröße. Durch ihren aussergewöhnlichen Führungsstil und viel Teamspirit kann aber auch durchaus der "größte Toaster der Welt" oder der "erste Spänepool Österreichs" entstehen. Die Tischlerin und Einrichtungsberaterin hat mit 30 Jahren als erste Frau in der Familie den Betrieb ihres Vaters komplett alleine übernommen.

Für ‚Persönliches aus der Wirtschaft‘ gewährt sie einen Einblick in ihr spannendes Handwerksleben:

Wir finden es bemerkenswert, dass Ihre Tischlerei immer schon in Frauenhand war. Wenn Sie mit uns zurückblicken: Wie hat alles begonnen?
Bevor ich das Unternehmen übernommen habe, leiteten in unserer Familie die Großeltern und Eltern immer als Paar in der Firma, wobei die Frauen schon auch am Holz werkten. Ich bin die erste Frau in der Familie, welche die Tischlerei alleine führt, da mein Mann einen eigenständigen, gänzlich anderen Beruf ausübt. Anfangs habe ich den Betrieb von meinem Vater gepachtet, um ihn im Alter von 30 Jahren komplett zu übernehmen. Eigentlich kam alles anders, als geplant: Nach dem Abschluss der HTL in Hallstatt strebte ich einen Arbeitsplatz in einem Planungsbüro an. Doch wie das Leben so spielt kam die Anfrage meines Vaters, ob ich nicht den Familienbetrieb übernehmen möchte. Für mich kam damals eine Zusage nur mit der Option, das bestehende Mitarbeiterteam komplett zu übernehmen, in Frage. Meine Leute und auch meine Eltern haben mir von Anfang an ihre vollste Unterstützung zugesichert.

Als Sie den Familienbetrieb bereits in sehr jungen Jahren übernommen haben, gab es sicher spannende Momente und Herausforderungen, denen Sie sich stellen mussten!
Und wie! Die Kinder mussten ja ebenfalls versorgt, zur Schule, zum Arzt oder zum Training gebracht werden. Unser zusammengeschweißtes Team, zu dem auch meine Eltern gehören, löst jede Problematik gemeinsam. Wir sind einfach eine große Familie, besprechen und entscheiden alles gemeinsam – sogar – sogar finanztechnische Angelegenheiten. Dieser Tatsache und meinem eingeschlagenen Führungsstil verdanke ich, dass das ‚Werkl läuft‘. Der Plan ist komplett aufgegangen.

Was Sie als Einrichterin und Tischlerin so besonders macht, ist die Arbeit mit Blinden. Wie kann man sich das vorstellen, wenn Sie gemeinsam mit sehbehinderten Menschen ein begreifbares Wohnprogramm erstellen?
Wir fertigen ein Modell in Puppenhausgröße und bauen das gleiche Material ein, dass sich die sehbehinderten Kunden wünschen wie z.B. Zirbenholz oder grober Leinen bei den Vorhangstoffen. Anschließend begleiten wir die Kunden durch die einzelnen Räume. So können sie die besondere Struktur spüren und begreifen.
Man darf auch nicht vergessen, dass wir nicht nur das Einrichtungsprogramm, sondern auch unsere Homepage, Visitenkarten, die Rechnungsstellung uvm. sehbehindertengerecht gestalten müssen. Eine grosse Herausforderung für das gesamte Team!

Wie kamen Sie auf die Idee ‚Möbel für Blinde‘ anzufertigen?

Vor rund 20 Jahren wurde mein Vater zu einem Kunden gerufen, und er musste zu seiner Überraschung feststellen, dass dieser blind war. Was tun? Ratlosigkeit machte sich breit, bevor diverse Überlegungen angestellt wurden. Versuche, Pläne in Karton einzugravieren, scheiterten. Da kam die Erinnerung hoch, dass man bereits Raumsituationen in Karton für Kunden mit schlechtem Vorstellungsvermögen konstruiert hatte. Diese Taktik wurde verfeinert und mit viel Einfühlungsvermögen auf Sehbehinderte eingestellt. Wichtig war auch der intensive Austausch mit einem befreundeten blinden Paar. Gefragt ist auf jeden Fall jede Menge Empathie – das liegt nicht jedem!
Ich habe diese Schiene nicht wegen des wirtschaftlichen Erfolges eingeschlagen, sondern um benachteiligten Menschen schöne Momente zu bescheren und sie zu unterstützen.

Wie fühlt es sich an, sehbehinderte Menschen nach Wunsch wohnen zu lassen?
Es macht mich schon sehr glücklich. Diese Menschen sind besonders dankbar und erfahren eher selten Empathie. In diesem Punkt denken wir im Team alle gleich.

Hatten Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn mit einer besonderen Problematik zu kämpfen – gerade was das Thema Möbel für Sehbehinderte betrifft?
Ja! Sicherheit ist ein großes Thema. Ein echtes Problem stellen Elektrogeräte mit Touchscreen dar. Ich bin noch immer auf der Suche nach geeigneten Öfen, die wie früher mit einem Drehknopf samt knackendem Geräusch funktionieren. Mein zweites Ziel, das ich mir gesetzt habe, ist es, Berufsschulen dazu zu bringen, blinde Menschen einladen. Nur so können Schüler den richtigen Umgang mit behinderten Menschen lernen.

Als Tischlerin und Einrichterin muss man nicht nur bei der Arbeit am Holz sattelfest sein, sondern sicher viele andere spezielle Kenntnisse haben. Fließen andere Handwerksberufe in Ihre Tätigkeit ein?
Ja, sehr viele! Klassische Tischler werden bald von der Bildfläche verschwunden sein. Wir bieten Komplettlösungen an und arbeiten mit einem grossen Pool von Handwerkern zusammen.

Ihre soziale Ader und Ihren Teamgeist spüren auch Ihre Lehrlinge und die gesamte Einrichtungscrew. Man hat uns geflüstert, dass Sie im Team öfters gemeinsame Unternehmungen machen und durchaus Dinge passieren, die man als ‚out oft he box‘ bezeichnen könnte.
Wir leben den totalen Teamgeist, ansonsten würde mein etwas anderer Führungsstil nicht aufgehen. Zweimal im Jahr unternehmen wir einen gemeinsamen Betriebsausflug. Besonders toll sind die Kundenveranstaltungen, die wir einmal pro Jahr durchführen. Da wurde schon einmal der ‚Erste Spänepool Österreichs‘ oder der ‚Größten Toaster der Welt‘ aus einer umfunktionierten Furnierpresse kreiert. Für Spaß ist immer gesorgt!

Was möchten Sie jungen Menschen – insbesondere Mädchen - am Weg zum Traumberuf mitgeben? Ist der Handwerksberuf Tischler ein Job mit Zukunft, der auch glücklich macht?
Unbedingt lege ich Mädchen diesen Beruf ans Herz: die schwere körperliche Arbeit von früher fällt weg, stattdessen ist viel Gefühl erforderlich. Wenn Mann/Frau sich aufs Tischlern einlässt, kann daraus ein toller Beruf werden, bei dem man die modernen Anforderungen der heutigen Zeit einfliessen lassen kann. Zum Beispiel Haussteuerungen integrieren, Schlafprobleme beseitigen, usw. um nur einige Beispiele zu nennen. Ein Gesamtkonzept, dass man in dieser Form bei großen Möbelhäusern nicht bekommt.

    Katzmaier Einrichtungsteam e.U.

    Oberer Markt 23, 4193 Reichenthal
    Österreich
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