„Hinterfragen ist bei mir ein Reflex“

„Hinterfragen ist bei mir ein Reflex“
Günther Bitschnau, wirtschafts-presseagentur.com

Bregenz (A) Normalerweise stellt er die (kritischen) Fragen, recherchiert, schreibt und ja, deckt auch die eine oder andere Ungereimtheit in unserem Land auf. Nun sitzt Günther Bitschnau erstmals auf der anderen Seite und steht der WIRTSCHAFTSZEIT Rede und Antwort.

Die Wirtschaftspresseagentur.com hat bei uns im Land einen „gewissen“ Ruf. Die Frage ist: Gibt es einen Grund, dass man sich vor Günther Bitschnau fürchten muss?
Nein. Warum auch? Es sollte nur klar sein, dass ich bei manchen Meldungen oder Presseaussendungen nachhake. Das ist aber auch eine ureigene journalistische Tugend. Zum Beispiel, wenn ein Unternehmen auf einen neuen Markt expandiert. Ein solcher Schritt kann natürlich immer schiefgehen. Aber es macht einen Unterschied, ob man als Unternehmen die Erwartungshaltung niedrig hält oder ob man von Beginn an alles Mögliche hinausposaunt. Ich behalte jede Pressemitteilung auf. Der verstorbene ORF-Journalist Robert Hochner hat gesagt: „Die Rache des Journalisten ist das Archiv.“ Ich bin also der Meinung, dass wir vielmehr respektiert als gefürchtet werden. Und die Zahlen geben mir Recht: Immerhin ist die Anzahl der Abos 2012 um zehn Prozent gestiegen. Die Qualität muss wohl stimmen.

Ihr finanziert Euch also über Abos?
Zu 90 Prozent ja, der Rest ist Werbung. Das garantiert Unabhängigkeit in der Berichterstattung.

War der Service denn von Beginn an kostenpflichtig?
In Vorarlberg schon. In Tirol, wo unsere Wurzeln sind, wurden unsere Meldungen neun Jahre lang bis Ende 2003 gratis verschickt – übrigens anfangs per Fax: 750 Stück gingen pro Tag hinaus. Damit waren wir den halben Tag beschäftigt. Ende der 90er-Jahre haben wir dann auf E-Mailversand und Internet umgestellt, was einen großen Aufschrei verursacht hat. Anfang 2004 kam die Kostenpflicht, woraufhin wir von allen Seiten ausgelacht wurden, weil sich niemand vorstellen konnte und wollte, dass Kostenpflicht im Internet funktioniert. Obwohl u.a. der ORF oder die WKV von Anfang an als Medienabonnenten dabei waren, habe ich in den ersten Monaten schon sehr geschwitzt, ob es wirklich funktioniert.

Mit Erfolg, immerhin zählen die Top-Betriebe unseres Landes zu Ihren Kunden.
Ja, und zwar zwei Drittel davon. Dazu kommen mehrere Medien. Im Schnitt haben wir 1.500 Unique Clients pro Monat, also alles Leute, die sich im Rahmen von Abos auf der Seite bewegen. Im Vergleich zu großen Portalen ist das natürlich wenig. Aber mit Blick auf die Zielgruppe – Entscheidungsträger aus der Vorarlberger Wirtschaft – schaut das schon anders aus. Wir haben unsere Nische gefunden und dort bleiben wir.

Kommen wir noch einmal auf Ihre Wurzeln zurück.
1997, am Ende meines Studiums (Anm.: Bitschnau studierte Politikwissenschaften und Zeitgeschichte in Innsbruck), habe ich bei der PR-Agentur wiko in Innsbruck als Medienbeobachter angefangen. Ich habe aus Zeitungen Artikel ausgeschnitten, diese auf ein A4-Blatt geklebt und den Kunden gefaxt. Der Tiroler Wirtschaftspressedienst (twp) lief im gleichen Büro nebenher und war damals, wenn man so will, eine getarnte PR-Agentur. Immerhin wurde vornehmlich über Unternehmen berichtet, die dafür bezahlt haben. Aber ich habe dort meine ersten Wirtschaftsberichte geschrieben. Eine Zeit lang war diese Konstellation für mich als Jungunternehmer OK, aber das hatte ein Ablaufdatum, denn es war ja ein Zwitterwesen. Mit der Einführung der Kostenpflicht haben wir die Sache völlig umgedreht und der Wirtschaftspressedienst twp.at wurde zu einer regionalen Nachrichtenagentur.

Also haben Sie den Wirtschaftspressedienst übernommen?
Ja, 2004 bzw. 2005 kam es zur formalen Trennung von Wirtschaftspressedienst twp.at und wiko. Ich übernahm twp.at und habe aufgehört, als PR-Berater zu arbeiten. Stattdessen konzentrierte ich mich auf den Journalismus. Zwei Jahre später habe ich meine Nachrichtenagentur in Wirtschaftspresseagentur.com umbenannt. Im Rahmen der Trennung haben mir damals viele den Vogel gezeigt und gefragt, warum ich von der finanziell besser dotierten PR-Branche in den schlechter bezahlten Journalismus wechsle. Aber ich wollte eigentlich nie PR-Berater werden, das hat sich halt nach dem Studium für ein paar Jahre so ergeben. Für meinen heutigen Job als Journalist war es aber sicher von Vorteil, dass ich die andere Seite kennengelernt habe. Ich weiß, welche Strategien in PR-Agenturen gefahren werden und welche Möglichkeiten sie haben.

Was bedeutet denn Journalismus für Sie?
Die Kernaufgabe des Journalismus besteht meiner Meinung nach im Hinterfragen von gängigen bzw. kommunizierten Meinungen. Es gibt Firmen, die nie den Weg in die Öffentlichkeit suchen – die lassen wir im Großen und Ganzen auch in Ruhe. Aber in dem Moment, wo jemand von sich aus den Weg an die Öffentlichkeit sucht, kommt er bei uns aufs Radar. Natürlich gibt es Aussendungen, die ich mit wenigen Veränderungen übernehme. Im Normalfall stimmen Pressemitteilungen ja auch. Aber manche Dinge muss man einfach hinterfragen. Bei mir ist das eine Art Reflex. Daher kann ich bestimmte Meldungen oder Informationen eben nicht einfach so hinnehmen. Im Laufe der Jahre habe ich sehr viele Zusammenhänge mitbekommen, sehr viele Unternehmen verfolgt, weiß, wer was wann gesagt hat, und habe ein Gefühl dafür bekommen, ob etwas der Realität entsprechen kann oder eher weniger. Oder ob jemand Blendgranaten wirft. Journalismus ist für mich eine Lebenseinstellung – speziell wenn man einen Bereich bearbeitet, der oft konfliktreich ist, bei dem man oft mit Beschwerdeanrufen, mitunter sogar mit Klagsdrohungen, konfrontiert ist. Weil es in der Wirtschaft halt immer um Geld geht.

Es kommt also wirklich vor, dass massiv Druck ausgeübt wird?
Ja. Allerdings ist man damit bei mir schlecht beraten und provoziert genau das Gegenteil. Das heißt: Wenn jemand Druck ausüben und dadurch eine Veröffentlichung verhindern will, hat man im Grunde die Garantie, dass ich es veröffentliche. Das rührt wohl daher, dass ich mich während meines Studiums sehr intensiv mit den Mechanismen totalitärer Staaten auseinandergesetzt habe und dadurch eine richtige Aversion gegen Druck auf Medien und Journalisten entwickelt habe.

Und wenn eine Information oder Meldung falsch ist?
Dann wird sie nicht erscheinen. Es ist sowieso so, dass ich stets zuerst nachfrage. Das gebietet unser Berufsethos. Wir versuchen immer, eine Stellungnahme von den betroffenen Unternehmen oder Personen einzuholen. Das ist ein Prinzip. Jeder soll sich rechtfertigen und eine Stellungnahme abgeben können. Was ich allerdings nie preisgeben werde, sind meine Informanten. Da kann man noch so sehr nachhaken. Und Off-Records – also im Vertrauen getätigte Aussagen nicht zu berichten – ist bei uns eine goldene Regel. Ich denke, dass das die Wirtschaftstreibenden in unserem Land sehr wohl gutheißen. Anders würde dieser Job auch niemals funktionieren.

„Er tut sich an, was viele nicht mehr können – er recherchiert.“ So die Fachzeitschrift „Der Österreichische Journalist“, von der Sie 2011 zum „Journalist des Jahres“ gekürt wurden. Hat sich dadurch eigentlich etwas geändert?
Nein. Klar ist es eine tolle Bestätigung meiner Arbeit, aber man muss auch deutlich sagen: Ich habe die Zeit zu recherchieren. Wenn man als Journalist in einem großen Unternehmen arbeitet, hat man oft gar nicht die Zeit dafür. Und das sehe ich ganz klar als ein Privileg. Ich bin im meiner Nische – und die Leser erwarten auch entsprechende Recherchen.

Apropos Zeit: Was tut Günther Bitschnau, wenn er nicht recherchiert?
...dann stehen die Familie und der Sport an erster Stelle. Ich verbringe viel Zeit in den Bergen und bin bei der Bergrettung engagiert. Übrigens: Ich bin ein überzeugter Anhänger der Work-Life-Balance. Im Job erfolgreich zu sein, ist toll. Aber es gibt auch andere wichtige Dinge im Leben.

Factbox
Mag. Günther Bitschnau (42)
Inhaber und Chefredakteur der wirtschaftspresseagentur.com www.wirtschaftspresseagentur.com
Wohnhaft in Bregenz
Lebensgemeinschaft, 2 Söhne (11 und 5 Jahre), 1 Labrador


 

wirtschaftspresseagentur.com, Mag. Bitschnau Günther

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